Der Rotschwanzweber

Rotschwanzweber Histurgops ruficauda

Die folgende Beschreibung soll über meine Haltung und Vermehrung von Rotschwanzwebern informieren.

Über diese Vögel gibt es recht wenig Literatur. Dr. F. Robiller hat im “Lexikon der Vogelpflege” einige Informationen gegeben. Auch H. Bielfeld hat eine sehr kurze Beschreibung in seinem, beim Ulmer-Verlag erschienenen Buch “Weber, Witwen, Sperlinge”. Die dort dargestellten allgemeinen Ausführungen über die Haltung von Webern und die Voraussetzungen für die Weberzucht können als notwendig für die Pflege der Rotschwanzweber unter unseren normalen Volierenbedingungen angesehen werden.
Sucht man im Internet, so “ergoogelt” man 229 Eintragungen unter dem Wort “Rotschwanzweber” und 3.290 Eintragungen (Stand Aug. 2007) für die lateinische Bezeichnung “Histurgops”. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um Stichworte, Registereintragungen, Reisebeschreibungen mit Tiersichtungen und in den seltensten Fällen um kurze Berichte über Beobachtungen von Lebensweisen in ihrer Heimat.
In der Gattung Histurgops gibt es nur die eine Art Histurgops ruficauda. Die Beschreibung der Kennzeichen erspar ich mir, da ich die abgebildeten Fotos für aussagefähig genug halte. Robiller schreibt von einer geschlechtsspezifischen Färbung, wonach die Weibchen vorwiegend graubraun seien. Dies kann ich nicht bestätigen. Bei meinen Tieren lassen sich absolut keine Unterschiede erkennen.
Die Rotschwanzweber sind in ihrer Färbung unspektakuläre, unauffällige Vögel. Sie singen nicht und ihre häufigen, fast ständigen Rufe “skwiu”, “schwie-zie”, “zdiä” u.ä. können auf die Dauer nerven. Sie sind also nicht gerade attraktiv, was vielleicht die seltene Haltung dieser Art erklärt. Hinzu kommt, dass diese Vogelart mit ihren 22 cm Körperlänge zu den größeren Webern gehört. Ihre Voliere sollte, wie bei allen Webern, so groß wie möglich sein. Die dokumentierte deutsche Erstzucht erfolgte erst 1992.

In ihrer Heimat Tansania sind die Rotschwanzweber sehr häufig vorkommende Vögel. Sie bewohnen dort offenes, mit Akazien bewaldetes Gelände und leben gesellig in Gruppen von 20 - 100 Vögeln zusammen. Kolonieartig bauen sie in den Bäumen ihre Nester.

Im April 2006 kaufte ich bei einem Händler vier Rotschwanzweber. Diese Tiere setzte ich, zeitgleich mit einem älteren Paar Seidenstare, in eine Voliere ohne einen Innenraum. Die Maße von drei Metern Breite, sechs Metern Länge und zwei Metern Höhe hielt ich für zunächst ausreichend. Die Rückwand, sowie zwei Meter der Seitenwand zur angrenzenden Voliere sind verkleidet. Zwei Meter der Voliere sind überdacht. Bestückt ist sie mit einem alten hohlen Stück Lindenstamm, Ästen einer Esche und einem dicken, gespannten dicken Seil. Auf dem naturbelassenen Boden wachsen einzelne Weidelgrassoden.

Rotschwanzweber sind “Gemischtköstler”, sollten aber doch zu den Weichfressern gezählt werden. Neben Weichfutter brauchen sie auch Sämereien. Ihr Futter bei mir besteht aus “Claus Fett-Alleinfutter Typ III (braun)”, “Orlux Insect patee premium” und einer Mischung aus einem reichhaltigen Fasanenfutter und einem Waldvogelfutter zu gleichen Teilen, aber nicht vermischt. Mehlwürmer streue ich zweimal am Tag in die Voliere. Insekten jeglicher Art werden erbeutet, was jedoch erstaunt, da die Tiere nicht sonderlich flink sind. Ameisen werden eindeutig nicht gemocht und daher verschmäht. Obst im allgemeinen wird zwar bepickt, aber nicht auffallend gern gefressen.

Erfreut vom Verhalten der Vögel und von der Tatsache ihres Zusammenlebens in größeren Gruppen in der Freiheit, entschloss ich mich, noch einige Tiere zu kaufen. Da bereits vom Exportstopp die Rede war, sah ich dies als zunächst letzte Chance, solche Vögel zu bekommen. Die zwei letzten Rotschwanzweber des Händlers bekam ich Anfang Mai, etwa vierzehn Tage nach dem ersten Kauf. Mir war schon klar, dass die Größe meiner Voliere absolut nicht ausreichend war. Trotzdem setzte ich diese Tiere ohne Bedenken zu den Anderen, zumal sie aus der selben exportierten Gruppe stammten wie die Vorherigen. Ich hielt das Gezeter und das häufige Anfliegen der Neuankömmlinge, was überhaupt nicht aggressiv wirkte, für ein Begrüßungsritual und die sofortige typische Futtersuche der Neuen (was ich etwa eine halbe Stunde beobachtete) für gute Zeichen einer guten Ankunft. Das war ein Fehler. Diese zwei Tiere fand ich etwa dreißig Minuten später skalpiert, mit ausgeschälten Augen, blutigen Schnäbeln und gerupften Flügeln tot am Boden.
Es blieb also bei dem besagten Volierenbesatz von vier Rotschwanzwebern und zwei Seidenstaren, die übrigens niemals attackiert wurden.

Da ich keine Selektion, also gezielte Auslese oder Anpaarung, unternahm, kann in diesem Fall nicht von Zucht geredet werden. Es handelt sich also um Vermehrung.



Rotschwanzwebernest Foto: Bernd Simon



Bei den von mir erworbenen Vögeln war mir die Geschlechterverteilung nicht bekannt. Mit dem Tag des Einsetzens in die Voliere begannen die Weber mit dem Aufsammeln und Umhertragen von kleinen Zweigen und Grashalmen. An Hand von Fotos im Internet, auf denen Rotschwanzwebernester abgebildet waren, brachte ich Nestmaterial in die Voliere, welches dem auf den Fotos entsprechen könnte. Dies waren lange trockene Gräser, die aus dem Vorjahr stehen geblieben waren, sowie frische Binsenhalme und Schilfblätter. Auch Stroh und Heu gab ich dazu. An verschiedenen Gabelungen der Äste und den Kreuzungen des Seiles wurden Bauversuche unternommen. Etliche “Rohbauten” fielen herunter. Eines Tages begannen alle vier Tiere eine Astgabel, direkt an der Außenseite der Voliere, zu bebauen. Es hatte den Anschein, als würden die Arbeiten mit einem Mal koordiniert erfolgen. Aus den Gräsern wurde erst ein Ring gesteckt. Dann wurde rundherum gefädelt, bis schließlich das Gebilde fertig war. Es hatte einen Eingang.
Bei diesen Arbeiten war es anfangs so, dass alle vier Vögel Material brachten und verbauten. Später, als der “Rohbau” fertig war, schien es mir, als würden zwei Tiere abwechselnd, also jeweils eines, die Feinarbeiten (das verweben) verrichten. Die Anderen schafften das Material heran und steckten es nur einfach fest. In dieser Phase wurde auch schon ein nächster Nestbau begonnen, der ähnlich ablief. Mir fiel auf, dass die Vögel lieber die von mir hingestellten (inzwischen frische), langen Gräser nahmen. Liegendes Material war zweite Wahl. Geknicktes Heu und Stroh wurde gar nicht verwendet.
Interessant war auch der Tagesrhythmus bei der Verteilung von Aktivitäten und Pausen. Nach ca. halb- bis dreiviertelstündigem Nestbau gab es eine Gefiederpflege von fünf bis zehn Minuten. Jeder putzte sich. Gegenseitige Gefiederpflege habe ich bisher nicht gesehen. Etwa eine halbe Stunde wurde, mit gelegentlichem Kontaktpiepsen, gedöst oder geschlafen. Nach dem Erwachen gab es wieder eine Gefiederpflege von knapp fünf Minuten, bevor es wieder ans Bauen ging. Gefressen und getrunken wurde während der “Arbeitszeit” meistens zu zweit. Gebadet wurde sehr selten.
Insgesamt muss man, nicht nur aus unserem menschlichen Empfinden, sondern auch im Vergleich mit dem Nestbau anderer Vogelarten, die Aktivitäten meiner Rotschwanzweber-”Baubrigade” als recht uneffektiv bezeichnen. Es schien, als hätten sie alle Zeit der Welt zur Materialauswahl. Nichts geschah in Eile. Viele Gräser wurden gedreht und gewendet, umhergetragen, fallengelassen, eingebaut und ausgebaut.

Vom 23. Juni an war ein Weber häufiger und länger im inzwischen fertiggestellten Nest. Ab dem 25. Juni erschien dieser Vogel nur noch nach einem grellen Ruf der anderen Insassen. Ab diesem Moment war zu vermuten, dass gebrütet wurde. Die Anderen waren mit dem nächsten Bau beschäftigt und einer versorgte zwischendurch das Tier im Nest mit Futter. Vom 11. Juli an waren wieder alle vier Vögel zu sehen. Am 15. Juli waren die ersten leisen Bettellaute aus dem Nest zu hören. Somit war also klar, dass ich zumindest ein Weibchen besaß, welches gebrütet hat. Alle vier Weber flogen fortan mit Futter ans Nest und verschwanden darin. Es war immer jeweils ein Vogel im Nest zur Futterübergabe. Diese Tätigkeit wurde in den Tagesrhythmus des immerwährenden Nestbaues mit eingliedert. Ab dem 25. Juli war klar zu hören, dass ein Jungvogel bettelte.
Am Morgen des 04. August verließ dieser Jungvogel das Nest. Sein Gefieder zeigte noch nicht die intensiven Sprenkel wie das der Alttiere. Der Schnabel war hell und nicht dunkel wie bei den Alten. Die Augen waren dunkelbraun bis schwarz. Alttiere haben helle, graublaue Augen.

Etwa eine Woche nach dem Ausfliegen des Jungvogels fiel ein Tier der Gruppe aus unerfindlichen Gründen in Ungnade bei den Anderen. Es wurde so attackiert, dass ich es schnell umsetzen musste. Trotzdem starb dieses Tier an den Folgen der Verletzungen. Somit blieb die Gruppe konstant bei der Größe von vier Vögeln.

Im Alter von zwei Monaten fing dieser Vogel an, gelegentlich einzelne Halme umher zu tragen. Nach elf Monaten hatte er die gleiche Augenfarbe wie die Alttiere und nach nunmehr zwölf Monaten ist auch der Schnabel fast vollständig umgefärbt.

Über den Winter brachte ich die Rotschwanzweber in einer etwas kleineren Voliere mit einem angrenzenden Innenraum unter. Die Temperaturen darin unterschreiten selten fünf Grad. Es war keine Veränderung der Aktivität der Tiere auf Grund unserer winterlichen Bedingungen zu erkennen. Ich musste die Tiere weiterhin mit Nestmaterial versorgen. Sie bauen also unablässig.

Im März 2007 wurden die Tiere wieder in ihre alte Voliere gesetzt. Vorher habe ich etwa dreißig Zentimeter unter der Volierendecke an drei Stellen (zwei davon unter der Überdachung) Nisthilfen aufgehängt. Diese bestanden aus Seitenwänden von Vogelkäfigen von fünfzig mal sechzig Zentimetern. Auf ihnen brachte ich Zweige an, die den Webern das Befestigen der ersten Halme ermöglichen sollten.
Alte und frische lange Gräser stellte ich wieder in die Voliere.
Da ich beobachtet hatte, dass die Tiere in ihrem Winterquartier Zweige eines Spiereastrauches verbauten und Birkenzweige, die auf der Voliere lagen, hineinzuziehen versuchten, gab ich auch reichlich Birkenreisig. Damit wurde sofort der neue Nestbau begonnen. Diesmal allerdings breiter in der Anlage. Gräser wurden erst in der letzten Phase des Bauens verwendet. Eine der vorbereiteten Plattformen, die unter der Überdachung angebracht war, wurde als Grundlage genutzt. Auch der Jungvogel des Vorjahres war am Nestbau beteiligt.
Mitte Mai musste ich erneut einen Vogel herausfangen, da er massiv verdrängt wurde. Auch dabei beteiligte sich sehr aktiv der Jungvogel.
Von dem nun allein untergebrachten Vogel ließ ich eine Geschlechtsbestimmung anhand einer DNA-Analyse machen. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein männliches Tier handelt.
Am 30. Mai befreite ich den Boden der Voliere vom inzwischen flächendeckenden Gras. Anscheinend bewegen sich die Rotschwanzweber lieber auf bewuchsfreiem Boden. Das feuchte Gras gefiel ihnen auf alle Fälle nicht. Bei dieser Gelegenheit untersuchte ich das Nest und fand darin vier Eier. In der Voliere befand sich also ein Paar.
Wie schon Bielfeld im erwähnten Buch beschreibt, nehmen die Weber jegliche Art solcher Störungen übel. So verließen auch meine Rotschwanzweber dieses Nest und zogen in ein bereits im Bau befindliches. Dieses wurde größer und breiter erweitert, als alle Nester vorher. Es hatte nunmehr drei Eingänge und wurde von allen drei Vögeln zum nächtlichen Schlafen genutzt. (Die liegengelassenen Eier konnte ich herausnehmen und fotografieren.)



Rotschwanzwebereier Foto: Bernd Simon



Vom 10. bis zum 25. Juni 2007 war das nun mit Sicherheit als Weibchen zu bezeichnende Tier im Nest verschwunden. Am 29. Juni waren die ersten Bettellaute zu hören und am 17. Juli, einem sehr heißen Tag, verließen zwei junge Rotschwanzweber das Nest. Sie verschwanden allerdings für die nächsten zwei Tage wieder darin.
Zu meiner großen Verwunderung fand ich am 19. Juli, also zwei Tage nach dem Ausfliegen der Jungen, unter dem alten Nest die aufgebrochenen Schalen von zwei Eiern. Ungewöhnlich ist dies in zweierlei Hinsicht. Zum Einem könnte es bedeuten, dass das Weibchen bereits wieder brütete, während die Jungen noch im Nest gefüttert wurden. Jungtiere waren aber nicht vorhanden, wie sich zeigte. Zum Anderen könnte es heißen, dass die Schalen so lange im Nest verblieben, bis die Jungen ausgeflogen waren. Dies wäre ebenfalls sehr ungewöhnlich.



Rotschwanzwebergruppe mit Jungvogel Foto: Bernd Simon



Mein Ziel ist es nun, mit dem einzeln untergebrachten Männchen und einem (hoffentlich) unter den inzwischen drei Jungvögeln befindlichen Weibchen, im kommenden Jahr ein weiteres Paar zusammen zu stellen. Noch geht es dabei um die Vermehrung der Rotschwanzweber mit möglichst blutsfremden Tieren. (Sollte es in den Reihen der VZE noch Rotschwanzweberhalter geben, wäre ich diesen für eine Kontaktaufnahme mit mir dankbar.)
Das Herausfangen der Jungvögel zur Kennzeichnung und das Ziehen von Federn für die DNA-Tests zur Geschlechtsbestimmung verzögert sich allerdings, da das Weibchen bereits wieder gebrütet hat. Seit dem 20. August sind wieder Bettellaute aus dem Nest zu hören. Wie schon erwähnt - Störungen mögen sie nicht.

Fazit:
Diese niemals hektischen, sondern eher leicht behäbig wirkenden Weber mit ihren starenähnlichen Bewegungen und dem stetigen Nestbaudrang empfinde ich als angenehme Volierenvögel. Man kann sie gut in unseren Breiten halten und vermehren. Ihre Ernährung ist kein Problem. Um sie aber in der Form zu halten, wie sie in freier Natur leben, nämlich in einer größeren Gruppe, bedarf es einigen Platz.
Im Vogelpark Marlow gibt es eine 700 qm große, begehbare “Afrika-Voliere”, in der unter anderem Scharen von Flammenwebern und Genickbandwebern, neben Dreifarbenglanzstaren, Livingstonturakos u.a. brüten. Diese Haltungsbedingungen sind nicht nur sehens- sondern vor allem nachahmenswert. Womit für mich ein nächstes Ziel, natürlich nicht in den riesigen Ausmaßen, gesetzt ist.

Literatur: - Bielfeld, H.: Weber, Witwen, Sperlinge 2.,überarbeitete Auflage Ulmer Verlag (1992)



Anschrift des Autors:
Bernd Simon
Damerower Weg 7
17121 Sassen OT Pustow
VZE 43487



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