Der Tannenhäher

Tannenhäher

Der Tannenhäher
Nucifraga caryocatactes (Linné, 1758)
von Ramona Heuckendorf & Jörg Asmus

Ende Oktober 2006 unternahmen wir eine Urlaubsreise in den Schwarzwald. Dort besuchten wir unter anderem auch die Wasserfälle nahe dem Ort Triberg. Um diese Stufenwasserfälle entlang eines ausgeschilderten Wanderweges besichtigen zu können musste man ein Eintrittsgeld zahlen. An der zu diesem Zweck aufgestellten Kasse konnten auch Erdnüsse in Tüten erworben werden. Die Erdnüsse selbst befanden sich noch in ihren Schalen; wir dachten, diese wären zur Fütterung der dort häufig vorkommenden Eichhörnchen gedacht. Später wurden wir eines besseren belehrt. Wir machten uns ohne Erdnüsse auf den ca. 1.500 m langen Wanderweg entlang der Wasserfälle; dieses Naturschauspiel hinterließ auch bei uns seine Eindrücke. Unterwegs stießen wir auf ein Hinweisschild, das auf einen in dieser Region häufig vorkommenden Vogel hinwies – dem Tannenhäher.
Dieses Schild beinhaltete eine Kurzvorstellung der Art in deutscher und englischer Sprache. Wir hielten aufgrund dieser Angaben sehr gezielt Ausschau nach diesem Vogel. Erst auf dem Rückweg konnten wir bei herrlichem Wetter erste Exemplare dieser Art zu Gesicht bekommen. Diesen Umstand hatten wir einem anderen Besucher der Triberger Wasserfälle zu verdanken, der im Eingangsbereich eine Tüte Erdnüsse erwarb und mit diesen einige Tannenhäher anlocken konnte. Die Häher erschienen sehr zutraulich, denn sie scheuten sich nicht vor der sich ansammelnden Menschentraube und holten sich ihre Leckerbissen aus nächster Nähe. Auch wir mischten uns unter diese Menschenmenge und beobachteten einige Minuten das rege Treiben von 4 Tannenhähern. Wir waren von der unscheinbaren Art dieser Vögel so beeindruckt, dass wir uns zu Hause etwas näher mit dieser Häherart beschäftigten.

Erstaunlicherweise ist in der Fachliteratur nicht sehr viel über diese Vogelart zu finden. Im Jahr 1758 beschrieb Carl von Linné (* 23. Mai 1707, † 10. Januar 1778) den Tannenhäher erstmals in seinem Werk „Systema Naturae“, damals noch unter der wissenschaftlichen Bezeichnung Corvus Caryocatactes. Unter der gleichen wissenschaftlichen Bezeichnung wird die Art auch in Dr. Bechsteins „Naturgeschichte der Stubenvögel“ aus dem Jahre 1812 beschrieben. Hier werden für den „Tannenheher“ auch die Synonyme „Nußheher, Nußpicker, Nußknacker, Nußbeißer, schwarzer Markward, Nußkrähe“ angegeben. Eine ausführliche Beschreibung zum Aussehen des Tannenhähers folgt in Dr. Bechsteins Werk; interessanter sind darin jedoch die übrigen Angaben. Zum Freileben schreibt er unter der Rubrik „Aufenthalt“ unter anderem das Folgende:
„Im Freyen. Er wohnt in den tiefsten Wäldern, besonders wenn sie mit Nadel, und Laubholz vermischt, und Wiesen und Quellen in der Nähe sind. Ob er gleich ein Standvogel zu seyn scheint, so streicht er doch gesellschaftlich im October in diejenigen Gegenden, wo es Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse giebt. Ja man trifft ihn im Winter wohl gar auf den Straßen an, wo er den Pferdemist durchsucht.“
Zur Nahrung schreibt der Autor die folgenden Zeilen:
„Im Freyen. Mit dem starken Schnabel beißt der Tannenheher die Tannen- und Fichtenzapfen ab, zerknackt Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse mit Leichtigkeit. Er frißt auch allerhand Beere, am liebsten aber animalische Nahrung, Insekten und was er sonst habhaft werden kann.“
Zur Fortpflanzung schreibt Dr. Bechstein:
„Sein Nest steht in hohlen Bäumen. Es enthält 5 bis 6 Eyer, die auf dunkel-olivengrauem Grunde sehr einzelne dunkelbraune Queerstrichelchen haben. Man zieht die Jungen mit Fleisch auf.“
Ob sich der letzte Satz auf Beobachtungen aus dem Freileben des Tannenhähers oder auf Erfahrungen in der Gefangenschaftshaltung bezieht ist nicht nachvollziehbar. Über die Haltung sowie den Fang zu dieser äußert sich Dr. Bechstein ebenfalls. Er gibt an, dass der Tannerhäher in der Stube ähnlich dem Eichelhäher gehalten wird. So soll die Art „in einem großen dräthernen Vogelbauer, dem man die Gestalt eines Hauses, Thurms giebt; in der Stube herum laufend ist er zu unflätig.“ Zur Fütterung in Menschenobhut rät Dr. Bechstein, dass man den Tannenhäher ähnlich dem durch ihn vorher beschriebenen Eichelhäher ernährt, „er lässt sich aber nicht nur leichter zähmen, sondern auch leichter an alle Nahrung gewöhnen. Er frißt Waizen, am liebsten aber Fleisch. Wenn man einen lebendigen Holzheher (Eichelhäher Anm. Autoren) zu ihm in Käfig wirft, so ist er in einer Viertelstunde verzehrt; auch geschossene ganze Eichhörnchen, die andere kleine Raubvögel scheuen, frißt er ohne Bedenken.“
Der Tannenhäher hatte zu Dr. Bechsteins Zeiten als Käfigvogel einen gewissen Grad an Beliebtheit erlangt. Beschrieben wurde er in seinem Verhalten als ebenso kurzweilig wie die Würger. Auch ein gewisses Nachahmungsvermögen wurde dem Tannenhäher schon zu dieser Zeit nachgesagt. Er „ahmt die Töne verschiedener Thiere nach, und ist so geschwätzig wie der Holzheher. Seinen Tönen und seiner Gestalt nach müßte man ihn jung gefangen wohl reden lehren können.“
Wir haben nunmehr einiges über die Historie dieser Häherart kennen gelernt und möchten uns nun dem Aussehen dieser Spezies widmen. Der Tannenhäher gehört zur Familie der Rabenvögel und ähnelt darum auch sehr allen anderen Angehörigen der Familie Corvidae. Dieser Häher besitzt eine Gesamtlänge von 32 bis 35 cm und eine Flügelspannweite von 50 bis 58 cm. Diese Vögel können zwischen 120 und 170 g schwer werden.
Tannenhäher besitzen eine dunkelbraune Grundgefiederfärbung, auffallend sind die weißen Tupfen auf dem fast gesamten Gefieder. Der kräftig gerade und starke Schnabel sowie die Kopfkappe sind schwarz. Auch die Schwungfedern und der gesamte Schwanz sind schwarz gefärbt mit der auffallend weißen Endsäumung auf der Oberseite am Schwanzende. Die Schwanzunterseite zeigt eine deutlich weiße Spitze, die zusammen mit den weißen Unterschwanzdecken einen sehr schönen Kontrast zum übrigen Gefieder zeigen. Äußerlich erkennbare Unterschiede sind bei Männchen und Weibchen nicht vorhanden.
Aus der Ferne sehen die Tannenhäher aufgrund ihrer weißen Sprenkelung eher grau aus und ähneln bei flüchtigem Hinsehen einheimischen Staren; auffällig ist dann aber wiederum die Größe dieser Vögel, die die der Stare doch merklich übertrifft. Aufgrund ihres Äußeren wird der Tannenhäher im Volksmund auch „Starenkrähe“ genannt.



Tannenhäher; Triberg (Schwarzwald) Foto: Jörg Asmus



Die Spezies Tannenhäher setzt sich aus 2 Unterarten zusammen. In Mitteleuropa kommt die Subspezies N. c. caryocatactes (Alpentannenhäher) vor, in Sibirien gibt es die zweite Unterart, N. c. macrorhynchos (Sibirischer Tannenhäher). Die Nominatform haben wir somit wahrscheinlich auch im Schwarzwald angetroffen, denn auch nach dem äußeren Erscheinungsbild waren die von uns beobachteten Vögel Angehörige der zuerst beschriebenen Unterart, sollte man annehmen! Dennoch kann man aber selbst in unseren Breiten nicht immer nur mit dem Vorkommen der Nominatform rechnen, denn auch der Sibirische Tannenhäher ist gelegentlich Invasionsvogel in Mittel- und auch Westeuropa. Die beiden Unterarten des Tannenhähers sind allerdings nicht so einfach zu unterscheiden, weil der Sibirische Tannenhäher lediglich durch den längeren und dünneren Schnabel von der Nominatform zu unterscheiden ist. Somit ist es meist nur möglich die Unterart sicher zu bestimmen, wenn man beide Subspezies direkt miteinander vergleichen kann.

Im Herbst sind die Tannenhäher bei uns am leichtesten zu beobachten. Man kann sie dann sogar in Gärten sehen, besonders wenn dort die Haselnüsse reif werden. Diese holen sie sich unter anderem auch von diesen menschlichen Kulturflächen, um Vorräte für den Winter anzulegen.
Ansonsten bevorzugen Tannenhäher Nadel- und Mischwälder der Gebirgsregionen Europas und Asiens. In Deutschland sind diese Vögel in den Mittelgebirgen und den Alpen in Höhenlagen von 300 bis 1.900 m ü. NN zu finden. Es werden jedoch grundsätzlich Nadelbaumbestände bevorzugt, da dort ihre Hauptnahrung zu finden ist.
Die Tannenhäher bleiben im Grunde das ganze Jahr über in ihren angestammten Gebieten, doch um Nahrung in harten Wintern zu finden, wandern sie auch in wärmere Gegenden ab.

Zur Hauptnahrung der Tannenhäher gehören die Samen aus den Zapfen der Zirbelkiefern (Pinus cembra), die in einigen Gebieten auch Arven genannt werden. Die wohlschmeckenden Samen, die 70 % Fette und 20 % Eiweiß enthalten, wurden früher im Alpenraum als Nahrungsmittel verwendet und werden heutzutage noch in Sibirien zu diesem Zweck in großen Mengen gehandelt. Da die Zapfen sehr fest und kompakt sind, sind sie sehr schwer zu öffnen. Tannenhäher knacken die relativ harten Nusssorten nach Nussknackerart mit ihrem sehr kräftigen Schnabel auf. Dies kann nur durch einen Spezialisten erfolgen, der die Nüsschen freilegen kann. Haselnüsse hingegen halten sie mit einem Fuß fest und spalten sie mit wenigen Schnabelhieben. Diese ernten sie sich in den Haselnussbüschen und sind dabei wenig scheu, mitunter sogar dreist bei Anwesenheit des Menschen.
Eine Eigenart kann der Tannenhäher für sich verbuchen; um für den Winter genug Vorrat an Nahrung zu haben beginnt dieser Vogel ab August eines jeden Jahres Löcher in den Boden zu hacken, die schließlich durch das Schnabelaufsperren, dem so genannten Zirkeln, erweitert werden. Hierin werden die vorher gesammelten Nüsse abgelegt und anschließend wird die Höhle wieder zugedeckt. Die Zirbelnüsse deponiert er auf diese Weise auch an den für die Pflanze geeigneten Wuchsorten. Dabei trägt er maßgeblich zur Verbreitung der Pflanzenarten bei, denn aus etwa 20 % der versteckten Zirbelnüsse wachsen Keimlinge. Das Erstaunliche ist, dass der Vogel in seinem Kehlsack bis zu 14 Haselnüsse oder über 100 Zirbelnüsse transportieren kann.
Der Tannenhäher ernährt sich außerdem im Sommer von Insekten; er frisst aber ebenso Eidechsen, Frösche, Vogeleier und Nestlinge anderer Vögel. Im Spätsommer bedient er sich der zu findenden Beeren.
Der Tannenhäher verfügt auch über ein phänomenales Gedächtnis. Er findet so gut wie alle seine versteckten Nüsse selbst unter einer dicken Schneedecke wieder. So dienen ihm rund 100.000 Arvennüsschen in etwa 20.000 Verstecken als Notreserve. Die wenigen Nüsse, die er im Boden vergisst, sichern dieser Baumart somit die Vermehrung. Während die Nadelbäume ihre Samen vom Wind verbreiten lassen, kann die Arve auf den Tannenhäher vertrauen.

Die Brut der Tannenhäher beginnt bereits früh im Jahr und ist ebenfalls stark an die Zirbelkiefer gebunden. So werden im März bis Mai die Nester zwischen 4 und 7 Meter hoch in den schneeverhangenen Nadelbäumen nahe des Baumstammes gebaut. Für den Bau der Nester verwenden sie unter anderem Zweige, Moos, Flechten und Erde. Die Gelegeunterlage wird gut ausgepolstert. Die Große eines Tannenhäher-Geleges variiert zwischen 3 und 4 Eier, die glänzend, grünlich und graubraun gefärbt sind und eine Größe von 3,4 x 2,4 cm haben. Das Gelege wird allein vom Weibchen in 17 bis 19 Tagen erbrütet. Während der Nestlingszeit nach dem Schlupf beteiligen sich beide Altvögel an der Jungenaufzucht. Nach etwa 21 bis 25 Tagen verlassen die juvenilen Tannenhäher erstmalig das Nest. Danach bleibt der Nachwuchs noch weitere 2 bis 3 Monate mit den Eltern zusammen. Im Jahr wird nur eine Brut gezogen.
Wie noch vor einigen Jahrzehnten spielt der Tannenhäher für die Haltung in Menschenobhut kaum eine Rolle. Nachzuchtstatistiken verschiedener Vogelhaltervereinigungen in Deutschland weisen diese Spezies äußerst selten auf. Sollte dennoch jemand die Haltung und Vermehrung dieser Häherart in Erwägung ziehen, ist stets nur eine Unterbringung in einer entsprechend eingerichteten Volierenanlage zu wählen. Die Haltung in einem engen Käfig sollte auf gar keinen Fall mehr in Erwägung gezogen werden.
An eine Haltung in Menschenhand können diese Vögel sehr leicht gewöhnt werden, da sie dem Menschen gegenüber von Natur aus sehr zutraulich sind und auch in der Voliere keinerlei Scheu zeigen. Ihre Aktivitäten sind sicherlich immer beobachtenswert und lassen keine Langeweile aufkommen. Immer sollte aber bedacht werden, dass die Haltung dieser Vögel nur zu Vermehrungszwecken gerechtfertigt ist; allerdings ist die Zucht dieser interessanten Vögel bislang äußerst selten gelungen. Aus der Vergangenheit ist bekannt, dass Tannenhäher in Menschenobhut bis zu 15 Jahre alt werden können.
Falls auch die Leser dieses Berichtes einmal in das Verbreitungsgebiet des Tannenhähers vordringen und diesen dreisten Vogel auch noch zu Gesicht bekommen, empfehlen wir sich einige Zeit für die Beobachtung dieser Häher zu investieren. Es lohnt sich!

Ramona Heuckendorf & Jörg Asmus
Barlachweg 2
18273 Güstrow
e-Mail: vasaparrot@hotmail.com
Literatur- BECHSTEIN (1812), Naturgeschichte der Vögel, Gotha- ROBILLER (2003), Das große Lexikon der Vogelpflege, Band 1 u. 2, Stuttg



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